Begegnungen - kein Hauch von DDR Nostalgie
Manchmal gibt es interessante Zufälle.
Nachmittags lernen wir beim Kaffeetrinken einen Mann kennen. Wir kommen auf seinen Beruf zu sprechen. Er erzählt, dass er Tierarzt werden wollte. Zu DDR-Zeiten war dazu zunächst eine Ausbildung zum Tierpfleger Voraussetzung. Eine Stelle erhielt er jedoch nicht, trotz bester Zeugnisse und Referenzen. Er hatte wohl zu wenig Beziehungen zu politischen Akteuren. Er machte Abitur, galt als sehr begabt. Er machte dann eine Ausbildung in einem Handwerk. Eine Fortbildung in einem Spezialgebiet wurde ihm zugesichert, dann kurzfristig verwehrt. Was ist passiert? Er nahm als Zuhörer teil an einer Diskussionsrunde in der Niolaikirche in Leipzig in der Vorwendezeit, wurde für 4 Tage inhaftiert und galt von da an als politisch unzuverlässig. Er arbeitete später in einem kleinen Familienberieb der zukünftigen Ehefrau mit und übernahm ihn. Der Lebenstraum als Tierarzt blieb unerfüllt. Dennoch kein Zeichen von Bitterkeit.
Am Abend stehe ich an einem Büchertisch in einer Kirche, komme mit einem Nachbarn wegen einer Bibel auf Plattdeutsch ins Gepräch. An der Ostseeküste die Jugend verbracht, spricht mein Nachbar "reines" Hochdeutsch. Ich sage naiv, dann sei er bestimmt Wasserliebhaber geworden mit Angeln und Segeln. Er antwortet sehr ernst, nein auf der Ostsee wurde zu DDR-Zeiten nicht gesegelt. Das Ufer war Grenzgebiet mit strenger Bewachung und Flutlicht an der Küste, um Flucht zu verhindern oder zu verfolgen.
Beide Begegnungen machen mich - in der BRD aufgewachsen- demütig und sehr dankbar, ich habe in meinem Leben immer frei mich entscheiden und bewegen können. Und noch weniger verstehe ich hier manchmal auftretende DDR-Nostalgie.
E. Schneider-Reinsch